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"Die Diener wurden häufig frech"
Schönredner der deutschen Kolonialverbrechen geben im Internet den Ton an - mit Empfehlung seriöser Medien
VON STEVEN GEYER

Kolonialgeschichte in internet
Seriöse Quellen im Web: Deutsches Historisches Museum: www.dhm.de/lemo Internet-Projekt zur Kolonialgeschichte: http://www.afrika-hamburg.de/ Gesellschaft für bedrohte Völker zum Thema: http://www.gfbv.de/ Private Initiative "Erinnern und versöhnen": http://www.deutschland-postkolonial.com/ Aktuelle TV-Tipps: 14. April: 15.25 Uhr, SWR: El Alamein - Spuren in der Wüste 15.April, 6.30 Uhr, WDR: Die wundersamen Heilmethoden der Tiere 08.15 Uhr, SWR: Vom Gambia in die Pfalz - Ein afrikanischer Erzieher in Deutschland 11.15 Uhr, Vox: stern TV-Reportage "... und Tschüss! - Abenteuer Auswandern" 12 Uhr, Phoenix: Das andere Afrika 13.15 Uhr, 3 Sat: Heilkraft aus der Wüste - Geheimnisse der Buschmänner (1/2) 16. April: 12.40Uhr, SWR: Garden Route: Von Kapstadt nach Port ElisabethWeitere Hinweise finden Sie auf: www.afrika-start.de/
Die ersten Konzentrationslager des 20. Jahrhunderts standen in Afrika: Nachdem die deutschen Kolonisten in "Deutsch-Südwestafrika" den dort lebenden Herero das Land genommen hatten, ließen sie sie auf ihren Farmen schuften und erniedrigten, misshandelten, vergewaltigten sie. Als sich die Herero 1904 erhoben, gab Oberbefehlshaber Lothar von Trotha die Order: "Innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen." Bis 1911 ermordeten die Deutschen mindestens 40000 Afrikaner im heutigen Namibia - oder trieben sie in Lagern oder in der Omaheke-Wüste in den Tod.

Die populärsten Webseiten stammen von Freizeit-Historikern

Wer sich jedoch im Internet über den deutschen Kolonialismus informieren will, braucht Geduld - und jede Menge Skepsis. Denn ob man mit Google, Altavista oder Yahoo sucht, die populärsten Webseiten stammen meist von Freizeithistorikern, die statt Kolonien lieber "Schutzgebiete" sagen. Den späten deutschen Griff nach Afrika, der 1884 begann und mit dem Ersten Weltkrieg endete, beschreiben sie bis zum kaiserlichen Uniformknopf genau - die afrikanischen Opfer lassen sie jedoch unerwähnt.

Ein geschichtswissenschaftliches Projekt der Universität Hannover widmete sich jetzt diesen Webseiten - Fazit: "Bestände das Kaiserreich bis heute, würde es seine Kolonialgeschichte in ähnlicher Weise dokumentieren." Durch "tendenziöse Auswahl" und "technokratische Aufzählung zahlloser infrastruktureller Bauleistungen" würden "die Aggressoren als ,Zivilisationsbringer' erscheinen", während die Afrikaner zu geschichtslosen Anhängseln oder gar selbst zu Angreifern werden.

Historiker Helmut Bley, seit Jahrzehnten mit deutscher Kolonialgeschichte befasst, urteilt: "Viele dieser Seiten nehmen nicht einmal ansatzweise die wissenschaftlichen Erkenntnisse wahr, es herrscht Verdrängung der wichtigsten Tatsachen." Gemeinsam mit Kollegen von acht deutschen Universitäten arbeitet er nun am Konzept für ein Portal zur "Welt- und Globalgeschichte", das den Revisionisten etwas entgegensetzen soll. Denn bisher werden die verzerrten Informationen sogar von seriösen Medien empfohlen und finden sich in der Web-Enzyklopädie Wikipedia - die gerade den renommierten Lead-Award als führendes Onlinemedium gewann. Wenig vorbildlich dagegen die Wiki-Artikel zu den Kolonien: Zwar löschen Mit-Autoren immer wieder Relativierungen und "Kolonialistensprache". Nach wie vor bemängeln sie aber, "die Erzählperspektive ist auf weiten Strecken die der deutschen ,Schutztruppe'". Zwischen militärischem Klein-Klein, das vom kolonialen Gesamtunrecht ablenkt, heißt es etwa: "Vor dem Aufstand wurden Hererodiener gegenüber ihren Herren häufig ausfallend."

"Vor allem Schüler gehen zuerst zu diesen Adressen," sagt Bley, "und finden sich damit sich auf denselben Seiten, die auch das Feld jener Neuen Rechten sind, die statt den Nationalsozialismus zu verherrlichen ersatzweise Kaiserzeit und Reichskriegsflagge in Glanz und Gloria sehen wollen."

Dabei geben sich die Kolonial-Pages ganz unpolitisch. Auf http://www.schutzgebiete.de/, bisweilen sogar oberster Google-Treffer, pappen sogar zwei "Gegen Nazis"-Logos, dazu der Hinweis: "Wörter wie Neger oder Nigger werden nur in bestimmten Zusammenhängen geduldet." Trotzdem ist die Seite mit Reichskriegsflaggen geschmückt und vorwiegend aus Büchern der Zwischenkriegszeit gespeist, die sich beispielsweise amüsieren, dass sich Afrikaner "alles, was man ihnen nicht aufs genaueste erklärt, mit ihrer kindlichen Phantasie veranschaulichen."

Auch Ralph Anton, Betreiber der meistverlinkten Seite http://www.deutsche-schutzgebiete.de/, findet nichts an deren Namen: "Das war die amtliche Bezeichnung der Kolonien", betont er. Er biete "eine unkonventionelle Geschichtsseite", auf der es "nicht um Grundsatzdiskussionen", sondern um eine "Übersicht über das Kaiserreich in zeitgenössischen Postkarten und Texten" gehe. So reiht er die wilhelminische Propaganda unkommentiert aneinander, ergänzt durch zweifelhafte Chronologien, die sehr wohl die 2004 gescheiterte Klage der Herero gegen Deutschland, nicht aber die offizielle deutsche Entschuldigung erwähnt. Den Vernichtungsbefehl von Trothas tut Anton als "psychologische Kriegsführung" ab, überhaupt sei "die Zahl der Todesopfer" - das folgt gefettet - "nicht bekannt", alles andere sei britische Propaganda.

Artig linkt Anton auch zur Homepage des "Traditionsverbands ehemaliger Schutz- und Überseetruppen", früher ein Veteranenkreis der Kolonialsoldaten, heute gibt man sich als afrika-interessierter Folklore-Verein. Im Netz beschreibt dieser unter den verschiedensten Adressen zum Beispiel minutiös den Vormarsch der Eisenbahn in die "deutschen Erwerbungen" in Ostafrika, während die etwa 250000 afrikanischen Todesopfer nach dem Maji-Maji-Aufstand und der deutschen Politik der verbrannten Erde bis 1908 nicht vorkommen. "Das zeigt, dass die Verfasser selbst noch tief im Kolonialismus stecken", sagt Historiker Bley. Passend dazu verhökern die Seiten "Stoffabzeichen mit südwester Schutztruppenhut im Eichenkranz" oder - wie der Onlineshop http://www.namibiana.de/ - koloniale Erlebnisberichte in Buchform und Schriften, die "gegen die These vom Genozid anhand unberücksichtigter und neuer Fakten argumentieren". Statt auf Historiker berufen sie sich - wie etliche Schreiber in diversen Foren, aber auch in der Diskussionen bei Wikipedia - auf Hobby-Autoren wie Walter Nuhn, Mitglied des "Traditionsverbands", oder auf rechtsradikale Zeitungen und Autoren wie Claus Nordbruch, der neben den Seiten von Holocaust-Leugnern auch die "Schutzgebiete"-Seiten empfiehlt. Ein Kreislauf, in dem die Revisionisten den Ton angeben.


Empfehlungen und Verlinkungen durch seriöse Medien

Ihren Einfluss und die Top-Suchmaschinen-Plätze verdanken deren Seiten auch den Empfehlungen seriöser Medien. So prahlt Anton damit, dass unter anderem Welt, Spiegel Online, Magazin der Bundeswehr, Deutsche Welle, ZDF, Deutschlandfunk und Sueddeutsche.de auf sein Angebot linken. Jüngst wiederholte 3sat die Doku Deutsche Kolonien - prompt sollen nun auch 3sat.de-User bei http://www.deutsche-schutzgebiete.de/ weiterlesen. Doppelt ärgerlich, dass bei ZDF.de der Link unter der hanebüchenen Zeile "Kurzer geschichtlicher Abriss zum Land Afrika" liegt: Obwohl man selbst über ein großes Themendossier verfügt, linkt man mehrfach zu einer Seite, die zwischen Schwarzweißrot referiert, wie "verschiedene ,Negerreiche' und Sultanate" zum hübschen "Deutsch-Ostafrika" wurden.

Für Felix Schürmann, der an dem Webprojekt der Universität Hannover mitwirkte, hilft vorerst "nur ein quellenkritischer Umgang mit Webseiten durch die Medien und Lehrer". Wie nötig das ist, illustriere das Gästebuch von deutsche-schutzgebiete.de. Neben Einträgen von Usern wie wien10, der "selbst Fan der guten alten Zeit" ist und sich freut, "dass es Leute gibt, die sowas ins Netz stellen" oder von Chris, der findet, auf der "klasse Site wird jedem Deutschen warm ums Herz, wenn er eins hat", gibt es auch Grüße wie den von Verena aus Klasse 7a, die hier "etwas für unser Schulprojekt ausgedruckt" hat: "Für die Leistung", schreibt sie, "bekam ich eine Eins. Danke!"


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Copyright © Frankfurter Rundschau online 2006
Dokument erstellt am 12.04.2006 um 17:20:35 Uhr
Erscheinungsdatum 13.04.2006

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