SO GEHT'S NICHT /// Einsendungen von mehreren LeserInnen:
"ist diese Frau irgendWAS? Wird sie GENOMMEN?"
 
 

 

ERLEDIGT: Motiv wurde aus dem Schaltplan genommen!
 

Einsendung von S.:

"Er repräsentiert die Dominazkultur, weiß und Krawattenträger (...), der sich mal eben NIMMT was ihn scharf macht. In Verbindung mit dem Foto einer passiven Frau (sie wird ja genommen) ist der Text völlig hohl und chauvinistisch. Dass es sich um eine schwarze Frau handelt, die als exotischer Freak dargestellt wird, macht die Anzeige unerträglich. (...) Um seinen Machtanspruch und ihre Verfügbarkeit zu signalisieren hat er ihr gleich mal beide Hände auf den Arsch gelegt (...)."

Einsendung von E.:

"Habt Ihr schon die neueste "Hörzu" Werbung gesehen? 'Irgendwann nimmt man nicht mehr irgendwas' - 'Machen Sie keine Kompromisse, auch nicht am Kiosk' - so als hätte der Mann die Frau ähnlich wie seine Hörzu irgendwo ausgesucht und mitgenommen....Kann gar nicht glauben, was es heute noch so gibt... ich finde den Text zu dem Bild einfach unpassend. (...)

Ich habe 6 Jahre in London gelebt und habe es dort genossen, dass Menschen aller Hautfarben so selbstverständlich als Arzt, Polizist, Verkäufer, Banker etc. zu sehen waren und morgens in Heerscharen im Anzug in ihre Büros fuhren. Ein für das deutsche Auge sicher schwer vorstellbares Bild - wo hier allgemein 'Schwarz=Asylant=Öffentliche-Gelder-Empfänger' gültig ist."

Einsendung von S.:

"Es ist wahr, dass die Message, die aus dieser Anzeige hervorgeht nicht eindeutig ist. Ich selbst musste auch erst zweimal hingucken und dann überlegen, warum sie mich eigentlich so schockierte. Ausschlaggebend war dabei vor allem die Pose, in der sich die beiden Personen befinden. Die Frau sitzt halb auf dem Schoß des Mannes und es sieht mir hier nicht nach einer freundlichen, partnerschaftlichen Beziehung aus. Ich gewann, trotzdem dies womöglich jeder anders empfinden mag, eher den Eindruck, dass die Schwarze Frau "hergezeigt" wird und der Mann eher präsentiert.

Hätte es sich hierbei um einen Inuit und eine Mursi-Frau gehandelt, hätte ich das Konzept vermutlich weniger als beleidigend empfunden. Dadurch, dass es sich aber um einen "normalen" weißen Mann handelt, dem eine "exotische" Afrikanerin gegenüber gestellt wird, finde ich das Betrachten dieser Szene eher unangehm. Ich bin aber froh, zu wissen, dass ich nicht die einzige bin, die auf diese Anzeige mit negativen Gefühlen reagiert hat. (...)"

 

Update 1:

Der "deutsche Werberat" erkennt in einem Schreiben an eine Beschwerdeführerin eine "Provokation", die dieses Bild "für manche Betrachter" darstellen kann als "möglicherweise beabsichtigt". Erschreckend ist jedoch, was genau an dem Bild diese “selbstdisziplinäre Einrichtung der deutschen Werbewirtschaft” (Werberat) auf diese Idee kommen lässt! Im nächsten Satz des Schreibens, das die Beschwerde ablehnt, heißt es:

“Der Anblick eines Paares mit unterschiedlicher Hautfarbe ist hierzulande kein alltägliches Bild.”

Diese Aussage im Zusammenhang mit “Provokation” erklärt die Einstellung des Werberats und womöglich auch, weshalb dort Beschwerden über Werbung, die als rassistisch empfunden wird, regelmäßig abgeschmettert werden. Die oben stehende Aussage verdeutlicht, dass bezüglich Rassismus beim Werberat Desinformiertheit und Voreingenommenheit vorherrschen.

Wir möchten eindringlich daran erinnern, das Rassismus nicht dort anfängt, wo vereinzelte Angehörige der Mehrheitskultur ihn deutlich nachempfinden können, sondern sich nach objektiven Kriterien richtet. Die Kenntnis der Gesamtheit derselben ist bei Menschen, die sich noch nie professionell damit auseinandergesetzt haben, in der Regel aber nicht vollständig vorhanden. Unter die objektiven Kriterien von Rassismus fällt beispielsweise durchaus auch, wenn die Darstellung von Menschen bestimmter Ethnien oder Hautfarben durch eine Gesellschaft auf einseitige Art erfolgt (z.B. durchweg sexualisiert, exotisiert, diminuiert). Es bleibt die Frage, was genau das “Werberat”-Gremium dazu qualifiziert, darüber zu entscheiden, was etwa rassistisch oder sexistisch sei, und was nicht. Eine Fortbildung etwa bei Phoenix oder einer vergleichbaren Einrichtung sei dem Werberat hiermit dringend angeraten!

Ergänzend sei auch hier angemerkt, dass Zuschriften von möglichst vielen Menschen an die Zeitschrift und an den Werberat womöglich Überzeugungsarbeit leisten - oder auch nur zum Nachdenken anregen - können und sich vielleicht auf die nächsten “Entscheidungsfindungen” bzw. Gestaltung zukünftiger Kampagnen auswirken!

E-mail-Adressen:

werberat@werberat.de
leserbriefe@hoerzu.de

 

Update 2:

Brief eines Kulturwissenschaftlers an den Weberat:

An Frau Rechtsanwältin
Meike Peters
Deutscher Werberat,
Am Weidendamm 1A,
10117 Berlin

31 Mai 2006

Sehr geehrte Frau Peters.

Es geht um die Werbung der Hörzu "Irgendwann nimmt man nicht mehr irgendwas„. Sie schreiben in Antwort auf eine Beschwerde:

"Der Deutsche Werberat beanstandet Darstellungen und Aussagen in der Werbung..., wenn sie herabwürdigend, obszön oder diskriminierend sind. Die von Ihnen kritisierte Werbeanzeige haben wir eingehend geprüft. Wir kommen zu dem Ergebnis, dass sie nicht zu beanstanden ist."

Diese Einschätzung ist für mich als Kulturwissenschaftler und Anthropologe nicht nachvollziehbar. Nun mögen die Scham und Peinlichkeitsgrenzen in vielen Gesellschaften und unter diversen Gruppen unterschiedlich ausfallen. Aber es kann kein Zweifel an der diskriminierenden kolonialistischen, semantischen Ladung dieser Reklame bestehen. In der Zeit des europäischen Kolonialismus wurden afrikanische Frauen nicht nur systematisch von weißen Männern sexuell missbraucht, sondern auch ihrer kulturellen Würde beraubt. Gerade Frauen mit indigenen Eigenarten wie die Unterlippenplatte wurden routinemäßig im Zirkus oder auf der Kirmes ausgestellt - prominenter Fall war die Hottentott Venus im Museé de l‚Homme in Paris. An dieser historischen Hypothek können auch der shooting angle oder die Kameraführung nichts ändern.

Ihr Verweis auf die Meinungsfreiheit, die als hohes Gut zu verteidigen sei, klingt in diesem historischen Kontext geradezu zynisch. Es geht doch wohl eher um Gewinnmaximierung. Der Axel Springer Verlag kann sich diese Reklame am Rande des Geschmacks nur leisten, weil Afrika keine Lobby hat und Afrikanerinnen sich nicht wehren können. Wie wäre es aber, wenn wir diese Afrikanerin auswechselten. Würde der Axel Springer Verlag eine solche Reklame mit einer osteuropäischen Jüdin im traditionellen Habitus und mit sheitel fahren? Wohl kaum, denn der Verlag müsste mit dem geharnischten Protest und dem Verlust vieler jüdischen Freunde rechnen. Würde er eine Nonne an dieser Stelle platzieren? Wohl kaum, denn unter den Hörzu Lesern befinden sich erheblich mehr Katholiken als Afrikaner, die es dem Verlag sicherlich am Kiosk heimzahlen würden. Es ist mir schlechterdings unverständlich, wie der Axel Springer Verlag, dessen Gründer sich im Kampf gegen den Anti- Semitismus einige Verdienste erworben hat, diese herabwürdigende und diskriminierende Reklame fahren kann. Noch unverständlicher ist es, dass der Werberat nichts an der Reklame zu beanstanden findet. Man kann es mit der allgemeinen historischen Ignoranz hinsichtlich des Kolonialismus erklären, aber Bücher über die Unterdrückung der indigenen afrikanischen Frauen gibt es in Hülle und Fülle.

Mit freundlichen Grüßen
Prof. em. Dr. Berndt Ostendorf
Berndt Ostendorf
Amerika Institut
Ludwig Maximilians Universität
Schellingstr. 3
D 80799 München

 

Update 3: ERLEDIGT!

Die zahlreichen Proteste an die Redaktion der Hörzu haben anscheinend gefruchtet. Dr. Garms, Chefredakteur der HÖRZU, antwortete in einem Brief an "Terre des Femmes" (www.frauenrechte.de), dass dieses Motiv in Zukunft aus dem Schaltplan genommen werde.

 
    
Bildquelle: hoerzu.de