Der Braune Mob e.V. | Kolonialer Blick ungebrochen: Sat1-Serie „Wie die Wilden“
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Kolonialer Blick ungebrochen: Sat1-Serie „Wie die Wilden“

Kolonialer Blick ungebrochen: Sat1-Serie „Wie die Wilden“

Um der Serie nicht noch zu zusätzlicher Publicity zu verhelfen, veröffentlichen wir den Diskurs, nachdem sie gelaufen ist.

Hierzu auszugsweise einige Meinungen, die uns zugesendet wurden:

Einsendung von Antje B.

“(…)Zu kritisieren gibt da ja wohl einiges: Es wird mit kolonialem Vokabular um sich geworfen (die Wilden, im Busch, Stämme etc.), die zivilisierten Deutschen begegnen den Afrikanern, die halbnackt im Busch hausen, usw. usf. Ich frage mich, ob Sat1 mal darüber nachgedacht hat, daß die Deutschen vor nicht allzu langer Zeit schon einmal in Namibia eingefallen sind. Aber was tut Sat1 nicht alles für die “Völkerverständigung”… Antje B.”

Einsendung von S.

“(…) Ich war und bin nach wie vor entsetzt über die Art und Weise, wie andere Völker (die Himba in Namibia, die Tamberma in Togo und die Mentawai in Indonesien) und deren Kulturen hier als Kulisse für eine – von Sat1 so kategorisierte – Comedy-Show benutzt werden. Dreist wird kolonialistisch-rassistisches Vokabular (z. B. Stämme – Wilde – im Busch) verwendet, die Darstellung der Kulturen beschränkt sich auf Einzelheiten, die den deutschen Zuschauern besonders “fremd” vorkommen sollen(…). Von einer umfassenden Darstellung einer anderen Kultur ist hier nicht zu reden. Ich bin der Meinung, eine solche Haltung ist schändlich, unwürdig und respektlos. Die Kommentare der zu Gast weilenden deutschen Familien lassen Assoziationen an finsterste Kolonialzeiten aufkommen, z.B. werden die Gastgeberfamilien mit “Kindern” verglichen! Die skandalöse Haltung der Serienmacher findet für mich auch Ausdruck darin, dass die deutschen Familien ausführlich vorgestellt werden, die Gastgeberfamilien jedoch einfach nur als anonyme Kulisse zu dienen haben.
Ich bin entsetzt, dass es im Jahr 2006 möglich ist, ein solches Machwerk zu produzieren. Wenn etwas bereits vorhandene Vorurteile anderen Ländern und Kulturen gegenüber verstärkt, dann sind es unreflektierte und undifferenzierte Darstellungen wie diese.
(…) Mittlerweile sind, wie man im Internet erfahren kann, etliche Stellen aktiv geworden, z.B. Amnesty International und auch die namibische Botschaft haben protestiert. Trotzdem läuft die Serie weiter (zum Glück mit mageren Einschaltquoten).(…) S.”

Einsendung von B.

“Hallo “Brauner-Mob-e.V”,
vor nicht allzu langer Zeit lief auf Sat.1 die Doku-Soap “Wie die Wilden”, in der (weiße-) deutsche Familien nach Afrika und/oder Asien reisen, um dort unter “Wilden” zu leben. Die Kommentare und die Art wie diese Sendung geschnitten wurde, ließen mich nach 5 Minuten umschalten. Warum nicht noch mehr dumme-faule-Afrikaner-Klischees produzieren? (…) Mit freundlichen Grüßen, B.

Hier in Auszügen die Korrespondenz eines Zusenders mit einer Sat1-PR-Zuständigen:

Protestbrief des Zuschauers
Reaktion von Sat1
Antwort des Zuschauers

 

Protestbrief:

Sehr geehrte Frau F(…).

(…)wende ich mich an Sie um zu erfahren warum Sat1 so eine Sendung produziert und ausstrahlt und um gegen eine so fremdenfeindliche Haltung und Aktion eines großen Medienkonzerns zu protestieren.

Allein schon der Titel drückt aus dass Menschen in anderen Kulturen als die europäische und von anderer Hautfarbe als die Weisse, Wilde sind.

In einem Land wo jeden Tag “Wilde” beschimpft, bespuckt, verprügelt und diskrimiert werden und sogar durch Gewaltanwendung getötet wurden, ist es erstaunlich und beschämend dass ein Fernsehsender, Sat1, für den sie sprechen, Menschen und deren Leben zoologisch exponiert. Die Herrenrasse besucht die Wilden und filmen es für ein Millionenpublikum und Einschaltquoten.

In der heutigen Zeit Fremdenfeindlichkeit zu pushen um Gewinn zu vergrößern, statt dazu beizutragen die Toleranz für Rassismus zu schmälern, ist unverantwortlich.

Ich protestiere gegen und boykotiere ihre Sendung und appeliere an alle anderen Menschen die ich kenne das ebenfalls zu tun.

Mit unfreundlichen Grüßen,

M.E.

 

Reaktion von Sat1

—–Ursprüngliche Nachricht—–
Von: Piehl Sonja [mailto:Sonja.Piehl@sat1.de]
Gesendet: Dienstag, 5. September 2006 10:46
An: M.E.
Betreff: AW: “Wie die Wilden” Sat1
Sehr geehrter Herr E(…),

vielen Dank für Ihre Mail, in der Sie uns Ihre Meinung zu dem Format “Wie die Wilden” mitteilen.

In der Sat.1-Doku-Serie “Wie die Wilden – Deutsche im Busch” geht es um den Austausch zwischen sehr unterschiedlichen Kulturen – im Rahmen und mit den Mitteln eines unterhaltsamen TV-Programms. Sat.1 hat drei Familien aus Berlin, Kassel und Dingden/NRW für jeweils drei Wochen zu traditionell lebenden Stämmen nach Togo, Indonesien und Namibia geschickt und sie dabei mit der Kamera begleitet. Der Titel der Sendung wird dabei in selbstironischer Weise eingesetzt, was bei einer Beschäftigung mit der Sendung auch sehr schnell deutlich wird. Die Idee, dass der Sender durch den Titel oder den Inhalt der Sendung in irgendeiner Weise rassistisch motiviert agiert, weist Sat.1 mit Nachdruck zurück. Natürlich stellt die Sendung die kulturellen Unterschiede beider Seiten heraus. Im Pressetext hierzu heißt es u. a. “Sind sie [die Deutschen] ohne Auto und Supermarkt-Versorgung überhaupt lebensfähig? ‘Wie die Wilden – Deutsche im Busch’ steckt voller Spannung, ursprünglichem Witz und Aha-Momenten über unsere ach so zivilisierte Welt.” Ziel der Sendung ist es ja gerade, den Fernsehzuschauern die Andersartigkeit, aber eben auch die Gemeinsamkeiten der jeweiligen Kulturen zu verdeutlichen, sie über diese “andere Welt” zu informieren und bisherige Einstellungen zu hinterfragen. Indem dies mit den Mitteln einer Unterhaltungssendung geschieht, erreicht der Sender hierbei ein größeres Publikum, als dies mit einer herkömmlichen Dokumentation möglich wäre.

“Wie die Wilden – Deutsche im Busch” wurde unter großem Aufwand und Respekt den drei Stämmen gegenüber und mit der Genehmigung der jeweiligen Landesregierung produziert. Vor Drehbeginn wurde den Stämmen das Format erklärt, während der Drehzeit wurde eng mit örtlichen Kontaktpersonen zusammengearbeitet, in Togo z. B. mit einer für die Tamberma zuständigen Behörde. In Produktionsbereichen wie Transport, Security, Dolmetscher, Helfer etc. wurde darauf geachtet, Jobs möglichst mit Einheimischen zu besetzen. Die Stämme wurden für ihr Mitwirken sowohl in Geld als auch in Naturalien entlohnt.

Das niederländische Format “Ticket to the Tribes”, das der Sendung “Wie die Wilden” zu Grunde liegt und von der gleichen Produktionsfirma realisiert wurde, war im übrigen für die Rose d’Or 2006 nominiert.

Freundliche Grüße
Sat.1 Kommunikation/PR
i.A. Sonja Piehl

 

Antwort des Zuschauers

Von: M. E.
Gesendet: Donnerstag, 7. September 2006 13:48
An: ‘Piehl Sonja’

Betreff: AW: “Wie die Wilden” Sat1

hallo frau piehl,
das hört sich alles sehr vorsorglich an, ändert aber nichts an dem sachverhalt.
alleine schon die zufällige auswahl einiger ehemaliger dt. kolonien spricht für sich und steht in einer äußerst unrühmlichen deutschen tradition, die man hier ja auch gerne unter den teppich kehrt.

das alle frauen barbussig, wie in einer völkerschau aus den 30ger jahren dargestellt/ausgewählt werden, passt auch perefekt in das vorurteil überladene bild “der primitiven wilden” und suggeriert/transportiert ein afrika-bild, das einfach nicht mehr zeitgemäss ist.

sehr interessant ist auch der hinweis, dass die “wilden” ja mit geld und naturalien gefügig gemacht wurden, noch interessanter wäre da allerdings eine genauere definition der naturalien.
vermutlich hat man da auch alte traditionen gepflegt und wie anno dazu mal glasperlen, seife oder branntwein als speerspitze der westlichen zivilisation präsentiert.

ich denke andersartigkeit, toleranz, weltbürgertum und offenheit gegenüber anderen kulturen kann, sollte und müsste man schon anders darstellen, wenn man es ernst damit meint.

echt schlimm, das so etwas überhaupt über den äther geht.

bitte sofort abstezen, sonst werden noch ein paar mehr leute “wild”.

mit prmitiven grüssen..

M.E.

Zusendung: Kommentar von S. zur Sat 1-Antwort:

“(…)Mich regt besonders ihr Argument der Selbstironie auf. Selbstironisch wäre es, wenn die drei Familien als Wilde deklariert würden, und man bewaffnete, “traditionell lebende Stämme” bei ihnen einquartieren würde, um die “ach so zivilisierte Welt” aus ihrer Perspektive zu kommentieren. So könnte man den Begriff “Wilde” relativieren und somit zu seiner Dekonstruktion beitragen. So bleibt die Sendung, keine Hundert Jahre nach dem Ende des deutschen Kolonialismus, eine reaktionäre, revisionistische Peinlichkeit mit eindeutig rassistischen Zügen!

Die Nominierund des niederländischen Formats “Ticket to Tribes” für die Rose d´Or 2006 ist kein Argument. Sie sagt höchstens aus, dass die Jury schlecht besetzt ist. Hätte ein ähnliches Format einen Preis bekommen, hätte sich die Jury vollends der Lächerlichkeit Preis gegeben.”

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