Der Braune Mob e.V. | Langenscheidt: rassistische Vokabeln Teil der “Sprachrealität”
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Langenscheidt: rassistische Vokabeln Teil der “Sprachrealität”

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Langenscheidt: rassistische Vokabeln Teil der “Sprachrealität”

langenscheidt_scanQuelle: Langenscheidt

Der Begriff “Neger, -in” steht nach Aussage der Redakteurin künftig nicht mehr im Langenscheidt-Schülerwörterbuch. Zeitgleich wird eine weitere Abbildung des Wortes (in anderen Wörterbüchern?) verteidigt.

Neuer öffentlicher Brief-Diskurs online:
Brief von der zuständigen Langenscheidt-Redakteurin 
unser Antwortschreiben

Kontakt:
Langenscheidt: redaktion.wb@langenscheidt.de,
Der braune mob e.V.: info@derbraunemob.de

langenscheidtZum Hintergrund:

Im Langenscheidt “Power Wörterbuch Französisch” (Zielgruppe: “Schüler an allen Schulen, besonders in der Sekundarstufe I”) werden die Begriffe “Neger, -in” mit “le Noir” und “la Noire” übersetzt.

Der braune mob e.V. und Freunde forderten im Januar 2006 den Verlag dazu auf, rassistische Beleidigungen aller Art (vor allem wenn sie sich auf eine einzelne Hautfarbe beschränken) nicht mehr in Wörterbüchern zu publizieren.

Dem wurde seitens Langenscheidt nicht entsprochen, mit teils nicht ganz nachvollziehbaren Begründungen.

Als Reaktion hierauf ging im Juni 2006 ein neues Schreiben an den Verlag, mit dem Appell, einseitig rassistische Begriffe künftig nicht mehr in Wörterbüchern zu “normalisieren”. Dem Appell schließen sich die Organisationen ISD und ADEFRA an sowie erneut viele Sympathisanten antirassistischer Arbeit.

Ursprünglicher Brief
Antwort von Langenscheidt
Neuer eindringlicher Appell

Ursprünglicher Brief [nach oben]

Langenscheidt Verlag
Postfach 401120
80711 München

Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe KollegInnen in der Langenscheidt-Redaktion,

In Ihrem Langenscheidt “Power Wörterbuch Französisch”, dessen Zielgruppe Jugendliche und junge Erwachsene sind, übersetzen Sie die deutschen Begriffe “Neger” und “Negerin” mit “le Noir, la Noire” (der Schwarze, die Schwarze), jedoch mit dem Zusatz, die Begriffe “Neger, Negerin, nègre und négresse” würden als abwertend empfunden und sollten daher nicht verwendet werden. Beim französischen nègre fügen Sie die Information “beleidigend” hinzu. Wir freuen uns zunächst einmal darüber, dass Ihnen der ausschließlich beleidigende Charakter dieser Wörter bekannt ist und Sie dies in Ihrem Wörterbuch auch kommunizieren.

Es bleibt allerdings als Wermutstropfen die Frage, weshalb Sie diese Schimpfwörter überhaupt zum Nachschlagen und zur Übersetzung anbieten. Wir bezweifeln, dass ein Wörterbuch der richtige Ort ist, Anleitung zu rassistischen Anfeindungen zu geben (es handelt sich ja nicht um ein ausgewiesenes “Wörterbuch der Beleidigungen”), und wenn Ihnen bewusst ist, dass diese Wörter zum Alltagsgebrauch wegen ihres rassistischen Charakters nicht taugen, wäre es Ihnen vielleicht auch möglich, auf sie zu verzichten.

Es fällt auch auf, dass als einziges solches bei Ihnen nachzuschlagendes Wort die Herabsetzung Schwarzer Menschen in Ihr Wörterbuch aufgenommen wurde, nicht etwa die Begriffe “Schlitzauge”, “Quarktasche”, “Rothaut”, “Kalkleiste” oder ein beleidigender Begriff für Juden, Roma oder Sinti. Bei diesen Völkern oder Gruppierungen ist es Ihnen möglich, auf die Darstellung sie abwertender Vokabeln zu verzichten, und wir sehen keinen logischen Grund, weshalb Sie bei Schwarzen anders verfahren sollten.

Daher möchten wir Sie bitten, die Begriffe “Neger” und “nègre” nicht mit den Zusätzen “bitte nicht verwenden” zu versehen sondern ganz aus Ihrem Schülerwörterbuch zu entfernen, wie Sie dies mit den vielen anderen rassistischen Schimpfwörtern, die es gibt, ebenfalls getan haben.

Des weiteren möchten wir Sie ersuchen, dies bei allen Ihren weiteren Publikationen ebenfalls zu berücksichtigen und die Vokabeln, die ausschließlich rassistischen Charakter haben, aus ihnen zu entfernen.

mit freundlichen Grüßen,

der braune mob e.V.

Antwort von Langenscheidt: [nach oben]

der braune mob e.V.
20357 Hamburg
07.02.2006

Sehr geehrte Damen und Herren

vielen Dank für Ihren Brief betr. “Neger”-Übersetzungen, der am 31. Januar d.J. bei uns einging. Sie sprechen in Ihrem Brief ein ganz heikles Thema an, und Sie ja haben selbst bemerkt, dass wir bei Langenscheidt versuchen, mit diesem Thema sensibel umzugehen. Unser Hauptproblem liegt darin, dass die anderen Wörter, die Sie als “beleidigende Begriffe” für verschiedene Volksgruppen bezeichnen (wie “Schlitzauge” oder “Rothaut”) für alle eindeutig negative Konnotationen hervorrufen . Beim “N”-Wort (um den englischen Begriff zu paraphrasieren), ist dies leider Gottes – nicht der Fall.

Für viele Deutsche – vor allem für ältere – hat das Wort “Neger” absolut keine negative Seite, sondern ist ein wertneutrales Wort für eine Person mit dunkler Hautfarbe. Wir haben in dieser Sache recherchiert, denn wir gehen gerade mit solchen Wörtern sehr vorsichtig um. Unsere Kennzeichnung ist also bewusst gewählt und entspricht unserer allgemeinen Handhabung. Das machen wir bei Zigeuner ebenfalls, das von Sinti und Roma als beleidigend empfunden, von vielen Deutschen aber als wertneutral angesehen wird.
Es ist nicht unsere Aufgabe zu beurteilen, ob dieser Gebrauch “fair” oder diskriminierend ist. Unsere Aufgabe ist es, die Sprachrealität abzubilden, ohne normativ eingreifen zu wollen.

Wir haben viel Verständnis für Ihr Anliegen und verurteilen jede Art von Diskriminierung aufs Schärfste, bitten Sie aber ebenfalls um Verständnis für unsere deskriptive – nicht präskriptive – Vorgehensweise, die in der Lexikographie als international anerkannt gilt.

Mit freundlichen Grüßen
LANGENSCHEIDT KG
Redaktion Wörterbücher
Dr. Vincent J. Docherty

Neuer eindringlicher Appell: [nach oben]

Langenscheidt Verlag
Postfach 401120
80711 München
Betr: „Neger“-Übersetzungen
Unser Schreiben vom Januar 2006
Ihre Antwort vom Februar 2006

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für Ihre freundliches Antwortschreiben. Wir respektieren durchaus, dass ein Lexikon die – wie Sie schreiben – “Sprachrealität” abbilden möchte, “ohne normativ eingreifen zu wollen”.

Sicher ist Ihnen jedoch auch bewusst, dass dies – ähnlich wie bei Nachrichten – allein schon durch die Auswahl der Vokabeln ständg geschieht. Bei einem Schülerwörterbuch mit 65000 Stichwörtern besteht ja kein Anspruch auf Vollständigkeit der enthaltenen Vokabeln. Die Tatsache, dass in diesem Buch “Negerin” beispielsweise aufgeführt ist, “Zigeuner” jedoch nicht, belegt bereits die Möglichkeit, auf einzelne rassistische Begriffe zu verzichten, deren beleidigender Charakter trotz vermeintlich gängiger sprachlicher Gepflogenheiten weithin bekannt ist. Diese Möglichkeit nehmen Sie bei verschiedenen Wörterbüchern und Begriffen immer wieder wahr, weshalb es unser Anliegen ist, dass Sie bei den Vokabeln “Neger”, “Negerin” ebenso verfahren.

Wir sind ferner der Ansicht, dass für die korrekte Abbildung einer zeitgemäßen und im Wandel befindlichen “Sprachrealität” der heutige tatsächliche Gebrauch bestimmter Vokabeln ausschlaggebend ist, weil dieser auf einen gesellschaftlichen Konsens verweist, der wiederum für die gegenwärtigen Konnotationen und somit für die herrschenden Bedeutungsgehalte der jeweiligen Wörter relevant ist. Viele der von Ihnen erwähnten “älteren” Menschen verwenden Begriffe wie etwa “Oheim” oder “Base”, die sich in Ihrem Schulwörterbuch allerdings nicht mehr finden. Daher gibt es keinen logischen Grund, weshalb dagegen “Neger” oder “zigeunerhaft” von Ihrer Redaktion als “Sprachrealität” widerspiegelnde Ausdrücke eingestuft werden. Abgesehen davon, dass eben diese älteren Menschen vermutlich kaum zu den AdressatInnen eines Schulwörterbuches zählen, ergaben unsere Recherchen außerdem, dass selbst unter älteren oder alten Menschen nur sehr wenige diese Vokabeln für “problemlos” bzw. für uneingeschränkt gängig halten. Dieser Personenkreis macht also nur einen Bruchteil der Sprache betreibenden Menschen in Deutschland aus und bestimmt unsere Sprachrealität auch in allen anderen Fällen keineswegs exklusiv.

Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie – wie im “political correctness”-Fenster so anschaulich beschrieben – in dieser Angelegenheit Ihrem Anspruch folgen könnten und künftig eben nicht normativ eingreifen indem Sie willkürlich einzelne rassistisch-beleidigende Vokabeln als einen Teil der Gegenwartssprache abbilden (was sie nicht mehr sind), sondern sich stattdessen dem Prozess der sprachlichen Entwicklung auf diesem Gebiet genau so aufgeschlossen und wissenschaftlich verbunden fühlen könnten wie etwa auf dem Gebiet der neuen Elektronik, in dem seitens Ihrer Redaktion regelmäßig in Abständen von wenigen Jahren Begriffe als überholt, nicht mehr passend und nicht mehr dem normalen Sprachgebrauch zugehörig ganz leidenschaftslos einfach aussortiert werden.

mit freundlichen Grüßen,
der braune mob e.V.
Noah Sow – Vorstandsvorsitzende – Moderatorin, Autorin

ergänzend:
Jean Alexander Ntivyihabwa, 2. Vorstand – TV-Producer, Autor
Nicola Lauré al-Samarai, Historikerin
Michael B. Schmidt – Smudo – Musiker
Tyron Ricketts – Schauspieler, Produzent
Ulrike Krahnert, Freie Journalistin
Patricia Eckermann, Autorin
Hindia Kiflai Monim – Moderatorin, Redakteurin
(…)
Sonia Phalnikar, Redakteurin
Christian Bettges, TV-Producer, Autor
Tom Wendt, Producer, Aufnahmeleiter
Timo Reinfrank, Stiftungskoordination, Amadeu Antonio Stiftung
ADEFRA e.v. – schwarze Frauen in Deutschland:
Ekpenyong Ani, Katja Kinder, Peggy Piesche (Vorstand)
ISD – Initiative schwarze Menschen in Deutschland e.V.
Tahir Della – Mitglied des Vorstandes

Bitte beachten Sie, dass dieser Briefwechsel von uns öffentlich geführt wird, und wir dieses Anschreiben wie auch Ihre eventuelle Antwort zu Zwecken der Dokumentation und Aufklärung veröffentlichen.

 

Brief von der zuständigen Langenscheidt-Redakteurin: [nach oben]

(…)

9.6.2006

mit großer Betroffenheit habe ich zur Kenntnis genommen, dass Sie unsere Antwort auf Ihr Schreiben vom Januar 2006 zum POWER Wörterbuch Französisch nicht zufriedenstellt. Auf Ihrer Homepage zeigen Sie dann die Titelseite des Schulwörterbuchs Französisch von Langenscheidt. Die Aufnahme des Wortes “Neger/Negerin” in ein solches Wörterbuch halten Sie für grundsätzlich nicht akzeptabel.

Ich selbst betreue das POWER Wörterbuch Französisch, möchte mich aber hier zu beiden kritisierten Titeln konkret äußern.

Drei Punkte möchte ich hier besonders erwähnen:

1. Im Hause Langenscheidt wird seit Jahren das Thema “Politische Korrektheit” sehr ernst genommen und immer wieder intensiv diskutiert. Wir standen 1999 bei der Neuentwicklung des POWER-Wörterbuchs auch tatsächlich vor der Wahl, solche Wörter wegzulassen oder sie aufzunehmen und dann mit einem deutlichen Warnhinweis zu versehen. Wir haben uns damals bewusst für die zweite Variante entschieden. Denn auch im Französischen gibt es verschiedene Möglichkeiten, auf die wir hinweisen wollten. Ich möchte kurz noch einmal zitieren, wie der Wörterbucheintrag wirklich aussieht:

Neger, -in Le Noir, la Noire
((Warndreiecksymbol)) Ähnlich wie im Deutschen werden auch im Französischen die Wörter le nègre und la négresse als abwertend empfunden und sollten daher nicht verwendet werden. Man sagt stattdessen Le Noir, la Noire (der, die Schwarze).

Sie sehen also, dass weder mangelnder Sachverstand noch Gedankenlosigkeit am Werk waren. Wir sind hier in einem Wörterbuch für Schülerinnen und Schüler sogar im Gegensatz zu unserer üblichen neutralen Darstellung bewusst normativ vorgegangen, um Missverständnisse von vornherein zu vermeiden.

2. Einen anderen Weg gehen die Neubearbeitungen der kleineren Schulwörterbücher: Es wird Sie sicher freuen zu hören, dass wir bei der Neubearbeitung des Schulwörterbuchs Französisch, das weniger erklärenden Text enthält als das POWER Wörterbuch, auf das von Ihnen kritisierte Wort bereits verzichtet haben. Die Entscheidung darüber fiel übrigens schon im letzten Jahr. Das Buch wird zurzeit gedruckt und ist ab Anfang Juli in den Buchhandlungen zu kaufen. Auch im englischen Schulwörterbuch (Ausgabe 2003 oder später) wurde entsprechend verfahren. Schade übrigens, dass Sie nicht dessen Cover oder das des neuen Sprachkalenders Französisch (für 2007 ab Juli im Handel) gewählt haben! Beide ziert ein strahlendes braunes Gesicht, den Sprachkalender Französisch schon im zweiten Jahr in Folge.

3. Gerade auch anlässlich der nun endlich in den Medien stattfindenden Diskussion über Fremdenfeindlichkeit stellt sich uns allen die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, problematische Sachverhalte und “Unwörter” einfach zu unterdrücken. Nach meiner Erfahrung wird ein Problem selten dadurch gelöst, dass man es ignoriert oder verschweigt. Über Diskriminierung sollte gesprochen werden und diskriminierender Wortschatz muss, gerade, wenn er noch oft verwendet wird, gekennzeichnet werden. Im Übrigen haben wir ganz bewusst auch Begriffe wie “Ossi” und “Wessi” oder in das POWER Wörterbuch aufgenommen, die häufig, aber sicher sehr oft abwertend verwendet werden. Für das Textverständnis zeigen wir sogar französisch “Boche” im anderen Wörterbuchteil.

Ihre Kritik trifft mich als Person besonders hart, weil ich Mutter eines afrodeutschen Kindes bin und mir daher dieser Punkt sehr am Herzen liegt. Ich finde auch, dass man die Diskussion nicht nur über Verdrängung von belastetem Wortgut führen sollte. Wichtig ist doch ebensosehr, dass sich alle Bevölkerungsgruppen und besonders die Zielgruppe des Werks im Wörterbuch wiederfinden können. Gerade hier hat sich bei Langenscheidt schon viel getan. Für die kommende Neubearbeitung des POWER Französisch habe ich z.B. den Begriff “Migrant, -in” vorgemerkt. Das früher eher fachsprachliche Wort wird heute von den Einwanderern gerne selbst und durchaus mit einem gewissen Stolz gebraucht. Zum Jahreswechsel 2005/06 habe ich außerdem auf der Wunschliste der ZEIT eine Anregung erhalten: Die Berliner Büroleiterin wünschte sich dort, dass der Begriff “afrodeutsch, Afrodeutsche(r)” in den DUDEN aufgenommen wird. Diesen Wunsch kann ich ihr leider nicht erfüllen, aber in den Langenscheidt-Wörtebüchern wird er demnächst vertreten sein. Für das gerade erschienene Handwörterbuch Spanisch, das ich ebenfalls betreue, war es leider zu spät. Die elektronische Version, zu der es per Internet regelmäßig Updates mit neuen Wörtern gibt, wird das Wort “afrodeutsch” aber noch in diesem Jahr verzeichnen.

Mit freundlichen Grüßen

LANGENSCHEIDT KG
Redaktion Wörterbücher
Barbara Epple

 

Unser Antwortschreiben: [nach oben]

Langenscheidt Verlag, Redaktion Wörterbücher, Barbara Epple
cc Langenscheidt Verlag
Postfach 401120
80711 München

HH, 22.6.2006

Betr: “Neger”-Übersetzungen
Unser Schreiben vom Juni 2006, Ihre Antwort vom 9.6.2006

Sehr geehrte Frau Epple,

Vielen Dank für Ihren ausführlichen Brief und Ihren Wunsch nach rascher Beatnwortung. Grundsätzlich freuen wir uns sehr darüber, dass die Begriffe “Neger, -in” nun nicht mehr im Schülerwörterbuch stehen werden.

Ihre Argumentation verdeutlicht uns allerdings, dass wir mit unserem Appell an Sie keineswegs – wie Sie anführen- “über das Ziel hinaus geschossen” sind, sondern es in unserem Sinne ist, Sie erneut dazu aufzufordern, sich dem Thema differenzierter zu widmen. Im folgenden möchten wir stichpunktartig auf Ihr Dementi politisch unkorrekten Verhaltens eingehen; mit der Gefahr, uns im Einzelfall zu wiederholen, da wir es für wichtig halten, dass Sie unsere Argumentation wirklich nachvollziehen können.

– “Im Hause Langenscheidt wird seit Jahren das Thema “Politische Korrektheit” sehr ernst genommen”
Das Beteuern “politischer Korrektheit” stellt -wie Sie sicher wissen- nicht wirklich einen Indikator für die tatsächliche Ausübung derselben dar. Gelegentlich wird der grundsätzliche Wunsch nach politischer Korrektheit eher als General-Argument eingesetzt, um sich der Kritik als solcher nicht wirklich öffnen zu müssen.

– Dass Sie in Ihrem Wörterbuch, das “Neger, -in” mit “Noir(e)” übersetzt, in einem Kästchen ein Statement dazu veröffentlichen, dass diese Begriffe “als abwertend empfunden” werden, hatten wir bereits erwähnt. Die Übersetzung als solche und die Notwendigkeit, Beleidigungen abzudrucken, werden uns durch den Zusatz eines “pc-Kästchens” allerdings noch weniger nachvollziehbar. Dies haben wir in unserem 2. Brief an die Redaktion ausführlich dargelegt.

– dass Sie als Argument für eine Verwendung der “N-Wörter” in dieser Diskussion die Begriffe “Ossi” und “Wessi” assoziieren, deutet darauf hin, dass Sie einen Kernpunkt des Rassismus noch nicht als ernstzunehmend genug einstufen oder einschätzen. Dieses Gefühl wird verstärkt durch Ihre verblüffende Ausführung, den Sprachkalender ziere “schon im zweiten Jahr in Folge” “ein strahlendes braunes Gesicht”. Sobald Sie die Belange sprachlicher Korrektheit tatsächlich ernstnehmen, können Sie auf blumige Ausschmückungen bestimmter Hautfarben verzichten und müssen ferner nicht mehr auf das Argument “Abbildung = genügend Gleichberechtigung” zurückgreifen, das schon seit Jahrhunderten bisher noch jeder Dominanzkultur ein willkommenes Instrument war, die Forderung nach echter Gleichberechtigung abzuweisen. Ebensogut könnten man auf den Vorwurf, den Begriff “Frau” mit “saloppe” übersetzt zu haben, anführen, dass doch eine Frau das Cover eines Kalenders Ihres Verlags ziere.

– Ihre Ausführung “Ich finde auch, dass man die Diskussion nicht nur über Verdrängung von belastetem Wortgut führen sollte. Wichtig ist doch ebensosehr, dass sich alle Bevölkerungsgruppen und besonders die Zielgruppe des Werks im Wörterbuch wiederfinden können.” verstehen wir nicht. Soll das heissen, dass sich die Zielgruppe im Wörterbuch als “Negerinnen” wiederfinden soll? Was meinen Sie mit “alle Bevölkerungsgruppen”? Alte Menschen, die Schülerwörterbücher lesen, den Ausdruck “Negerinnen” für wichtig in einem Lexikon halten und den französischen Begriff “Schwarz” falsch übersetzen?
Was ist mit den Bevölkerungsgruppen, die die Übersetzungen von “Itzig” und “Kanacke” suchen?

– Dass die Wörter “afrodeutsch” und “Migrant, in” künftig in Ihre Wörterbücher aufgenommen werden, finden wir durchaus erfreulich und dem Sprachgebrauch entsprechend. Uns verblüfft aber, dass Sie dies als Argument anführen zu der Sache, dass in Wörterbüchern “Neger, -in” vorkommt. Die einseitige Abbildung von Beleidigungen einer bestimmten Hautfarbe wird doch durch die Neuaufnahme von Begrifflichkeiten, die eine ethnische oder kulturelle Herkunft wertfrei bezeichnen, nicht politisch korrekter oder sinnvoller.

Wir finden Ihre Aussage, das Wort “Migrant” in Ihr Wörterbuch aufnehmen zu wollen, das Ihrer Überzeugung nach “von den Einwanderern selber mit einem gewissen Stolz gebraucht” wird, interessant, und würden uns daher wünschen, dass Sie den Interessenslagen und Argumenten repräsentativer Organisationen schwarzer Menschen, die auf einer gleichen quantitativen und qualitativen Abbildung der rassistischen Ausdrücke für alle Hautfarben in Ihrem Wörterbuch bestehen, ebensoviel Bedeutung beimessen wie den Interessenslagen der Migranten.

Wir glauben Ihnen und freuen uns darüber, dass es in Ihrem persönlichen Interesse und Wesen liegt, Diskriminierung und Rassismus nicht zu tolerieren. Durch Ihren Brief konnten wir uns allerdings des Eindrucks nicht erwehren, dass Sie nicht vollständig darüber informiert sind, welche Gestalt Rassismen im einzelnen annehmen können.

Wir würden es sehr begrüßen, wenn Sie die Beschwerde über einzelne Rassismen nicht generell abwehren würden durch die Argumente, man meine es prinzipiell gut und tue sonst schon vieles für die “gute Sache”, sondern sich den einzelnen Kritikpunkten ganz losgelöst von Ihrem eigenen Kontext widmen würden. Rassismus lässt sich leider nicht dadurch auflösen, dass man ihn nicht “wünscht”, sondern nur durch Reflexion und Information zur Sache, was dann oftmals die unangenehme aber wichtige (und ehrenwerte) Arbeit des Aufspürens eigener Misskonzeptionen nach sich zieht.

Nicht zuletzt aufgrund Ihrer von Ihnen angeführten familiären Verhältnisse möchten wir Sie eindringlich und persönlich darum bitten, die Kernpunkte unsere vergangenen Briefe noch einmal nachzuvollziehen zu versuchen.

Unabhängig davon schlagen wir Ihnen vor, an einem “Antirassismus-Seminar” (etwa bei Phoenix e.V. –http://phoenix-ev.org) teilzunehmen, das für Menschen, die sich wie Sie als antirassistisch und aufgeschlossen einstufen, sicher keinerlei Nachteile birgt, dafür aber die Chance vielfältiger Vorteile und interesanter neuer Erfahrungen. Viele Menschen, die mit Öffentlichkeit arbeiten, wünschen sich die Aneignung eines professionellen Hintergrundes und die von Experten geführte Auseinandersetzung mit diesem Thema, und von den erarbeiteten Ergebnissen profitiert anschließend die ganze Gesellschaft.

Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie unsere Kritikpunkte und Vorschläge reflektieren – und Schritte hin zu mehr Information nicht als Eingeständnis eines Defizites sondern als professionell und wirklich aufgeschlossen einstufen würden.

mit freundlichen Grüßen,
der braune mob e.V.

Vorstand
(Noah Sow, Jean-Alexander Ntivyihabwa, Patricia Eckermann)

ISD – Initiative schwarze Menschen in Deutschland e.V.
Tahir Della – Mitglied des Vorstandes

et alt.

Bitte beachten Sie, dass dieser Briefwechsel von uns öffentlich geführt wird, und wir dieses Anschreiben wie auch Ihre eventuelle Antwort zu Zwecken der Dokumentation und Aufklärung veröffentlichen.
Bildquelle: Langenscheidt

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